«Er verließ alles, stand auf und folgte ihm»

von Tommaso Pedroli · Villanueva de la Cañada (Madrid), 20. Februar 2021

Lesungen: Jes 58,9b-14; Ps 85; Lk 5,27-32.

„Da ließ er alles zurück, stand auf und folgte ihm nach.“ Diese Worte haben wir sicher schon oft gehört. Doch wir können uns nie ganz dem Gefühl von Schwindel entziehen. Warum alles zurücklassen, und dann so unverfroren? Was hat Jesus diesem kleinen Mann wohl gesagt, welche Geste, welcher Blick haben ihn in wenigen Augenblicken zu diesem Entschluss gebracht? Viele Einzelheiten, die unsere Neugier nur oberflächlich stillen würden, entgehen uns. Die Evangelien sind Notizen, die die Zerbrechlichkeit des Gedächtnisses stützen sollen, kein Bericht eines Ermittlers. Der Kern der Sache ist jedoch klar: Der Sinn des Lebens offenbart sich uns in wenigen Augenblicken, in einer raschen Entscheidung wie einem „Ja, ich will“. Später fügt die Zeit Gründe und Gefühle zu einer vollständigen und radikalen Entscheidung hinzu; doch dieser Schwung bleibt notwendig. Alles zurücklassen bedeutet nicht, vorerst das zu lassen, was man gerade tut, die Arbeit des Vormittags, die Papiere und die Rechnungen halbfertig liegen zu lassen, sondern alles zurückzulassen. Alles.

Alles, denn das Leben ist Berufung, das Leben ist Antwort auf einen guten Plan, den sich jemand, der weiser ist als du, für dich ausgedacht hat. Das Leben erfüllt sich nur, wenn es ein Ja ist, eine Antwort auf die Liebe Christi, wie lange es auch dauern mag: achtzig Jahre, dreiundzwanzig wie Marcos oder wenige Stunden wie Gonzalo. Der Wert des Lebens bemisst sich nicht an seiner Dauer, denn unendlicher Wert bedeutet Wert a priori. Du bist wertvoll, weil du geliebt bist, nicht wegen des weltlichen Erfolgs dessen, was du tust, nicht wegen seines Umfangs oder seiner Dauer.

Don Giussani drückt in einem Text, den er Ende der fünfziger Jahre schrieb – er hatte gerade die Erfahrung der Gioventù Studentesca ins Leben gerufen, aus der später Comunione e Liberazione hervorgehen sollte – den Sinn des Lebens als Berufung so aus: „Gott hat mich aus dem Nichts gerufen. Unter den Milliarden möglicher Wesen hat Er mich auserwählt und mich gerufen. Mein Leben besteht aus diesem Ruf. Mein Leben dauert fort, weil Er mich weiterhin ruft und verhindert, dass ich in das Schweigen des Nichts zurückfalle, aus dem ich herausgerufen wurde. Mein Leben ist eine Stimme, die mich ruft, die mächtige Stimme dessen, dem alles verdankt ist, was existiert“1.

Sicher hatte er dabei den italienischen Dichter Giovanni Pascoli im Sinn. Im Unterricht benutzte Don Giussani dieses Gedicht, um die Berufung zu erklären: Es gibt eine Stimme in meinem Leben / die ich dort vernehme, wo das Herz erlischt; / müde Stimme, verlorene Stimme, / mit dem Zittern des Herzschlags: / Stimme, die sehnsüchtig herbeieilt, / die sich an die arme Brust klammert, / um so viele und so viele Dinge zu sagen… 2.

Es gibt eine Stimme in meinem Leben. Ob wir es wollen oder nicht, ob wir sie hören oder nicht, ob wir betäubt oder aufmerksam, zerstreut oder müde sind, es gibt eine Initiative, die vor unseren eigenen Initiativen kommt. Deshalb gelangt Don Giussani zu dem knappen Schluss: „Mein Leben ist eine verpflichtende Antwort auf diese Stimme, die mich ruft“3. Geprägt von den Maßstäben der Welt denken wir bei dem Wort „verpflichtend“ sofort an etwas Negatives. Gott aber gibt den Begriffen ihre wahre Bedeutung: Für Ihn bedeutet Verpflichtung nicht Zwang, sondern vielmehr das Gegenteil: die Erhöhung meiner Freiheit und ihre Fülle. Gott kann nur das Beste aufzeigen, das, was uns wachsen lässt. Es würde Ihm nie einfallen, etwas von uns zu verlangen, das unserem Wunsch nur zum Teil entspricht oder das entschieden gegen unser Glück steht. Gott denkt in der Ganzheit. Verpflichtende Antwort heißt nicht, dass Er dir deine Meinung, deine Talente oder deine Neigungen nimmt (wir wissen ja, wie kostbar unsere Freiheit in seinen Augen ist!), sondern dass sie verpflichtend ist, weil sie den Weg bestimmt, den Gott für dich gewählt hat, und keinen anderen. Er hätte viele Formen wählen können … und dennoch schlägt Er dir eine davon vor. Verpflichtende Antwort, weil ich, wenn ich sie zurückweise, nicht glücklich sein werde. Die Berufung ist verpflichtende Antwort, weil niemand besser als Gott weiß, wie das, was du bist und ersehnst, zur Vollendung gebracht werden kann, auch wenn die Form nicht die ist, die du wählen würdest, und die Umstände nicht die sind, die du dir vorgestellt hast. Ich sage das, weil wir uns manchmal, nachdem wir den Vorschlag des Herrn angenommen haben, an den nüchternsten Folgen dieses Ja stoßen. Kleine Zweifel verdunkeln die anfängliche Begeisterung, bis wir glauben, wir hätten uns geirrt oder Gott habe sich geirrt. Aus Bequemlichkeit rechtfertigen wir vieles … Dagegen öffnet die Berufung, wenn sie mit Schlichtheit und Radikalität gelebt wird, den Horizont, erhöht und erweitert – wie es in jenem schönen Ausdruck der Liturgie heißt – das, was das Gebet aus Scheu „nicht einmal zu erbitten wagen würde“.

Nun verstehen wir tiefer, was das Evangelium in so knapper Form berichtet. „Da ließ er alles zurück, stand auf und folgte ihm nach.“ Ein Augenblick, ohne mit der Wimper zu zucken. So wird das Leben entschieden, in etwas, das die Welt als unbedacht und waghalsig bezeichnen würde. Doch für den Christen, Kinder eines guten Vaters und nicht unserer eigenen Kräfte, ist dieses Ja die notwendige, verpflichtende Bedingung, um zu wachsen. Was Jesus vor zweitausend Jahren Levi vorschlug, geschieht jedem von uns, es geschah Marcos, und heute danken wir Gott, dass wir es in ihm verwirklicht sehen. In seinem Leben, in dem, was er uns geschenkt hat, nicht weil er besser wäre als wir, sondern weil er sich von diesem Ja, von der Berufung, hat durchdringen lassen.

In der Berufung begegnen sich das Verlangen des Menschen und der Vorschlag Gottes. Das Versprechen der Ganzheit, der vollen Glückseligkeit, zeigt sich im konkreten Fleisch kleiner oder großer Entscheidungen, Menschen und Umstände, die alle zu Faktoren einer einzigen Berufung werden, das heißt: des Verlangens, das Christus hat, in mein Leben einzutreten und es so zu gestalten, wie Er es in der Ewigkeit gedacht hat. Dafür aber braucht Er meine Mitwirkung.

Mit dieser Messe bringen wir einen weiteren sehr wichtigen Aspekt zum Ausdruck: Unsere Gegenwart ist der Beweis, dass das Ja zur Berufung fruchtbar ist. Hier sind viele Menschen, die keinen persönlichen Kontakt zu Marcos hatten und die dennoch an diesem Morgen von seinem Ja angezogen gekommen sind. Denn es stimmt nicht, dass diejenigen, die uns verlassen haben, nur in unserer Erinnerung weiterleben, wie man bei Beerdigungen manchmal hört: Diejenigen, die uns verlassen haben, leben vor allem im Ja zur Berufung und im Ja zur Gegenwart, die sie uns gelehrt haben zu lieben. Wäre dem nicht so, wäre das Leben nutzlos, ohne Sinn. Und wenn heute Morgen hier ein Volk versammelt ist, dann deshalb, weil das Ja von Marcos dasselbe ist, das auch wir sprechen können.

Ich denke besonders an Itziar und Paco, an ihren Wunsch nach Vaterschaft, den Gott auf unerwartete und nicht weniger wahre Weise erfüllt hat. Wie wir alle ahnen, bedeutet die Berufung der Kinder – Achtung, ich meine nicht die Berufung zum Ordensleben, sondern das Leben als Berufung, das, wozu jeder auf einzigartige Weise in der Geschichte berufen ist, zu sein und zu verwirklichen –, dass die Berufung eines Kindes einen qualitativen Sprung in der Berufung der Eltern bedeutet, eine Vertiefung, die nichts anderes ist als die Entfaltung dessen, was Gott schon von Anfang an gedacht hat: ein Plan des Guten. Nun macht euer offenes Haus, die Berufung zur Gastfreundschaft, die eure Familie lebt, euch jeden Tag mehr zu Eltern von Marcos, denn ihr seid Eltern dessen, was der Herr in der Kirche durch Marcos erweckt, und was Gott erweckt … sind wir. Möge eines Tages, in einigen Jahren, jemand, der gezwungen ist, Notizen über unser Leben voller Widersprüche niederzuschreiben, dasselbe von unserer Beziehung zu Christus sagen können: „Sie ließen alles zurück, standen auf und folgten Ihm nach.“

1. L. Giussani, Das Leben als Berufung, in: Die Hoffnung tragen. Erste Schriften (Portare la speranza. Primi scritti), Encuentro 1998, 175.

2. G. Pascoli, La voce, in: Canti di Castelvecchio, Mailand 1968.

3. Das Leben als Berufung, 175.

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